Lullaby_Diet

Lullaby Diet

Riga Refugees
22. + 23. Feb 2010 | 20 Uhr | Werkstattbühne im Lofft
This is a very intimate story of the most intimate moment of the day.

Wiegenlieder sind die Tür in eine andere Welt. Jeder kennt sie, sie sind verbunden mit Kindheit, Erinnerung, Heimat aber auch Traum und Schlaf.

Die lettische Künstlerin Margita Zalite bittet Menschen mit Migrationshintergrund, die sie auf der Straße oder in der Bahn trifft Wiegenlieder aus ihrer Heimat zu singen. Dieses Material ist die Grundlage für ihre performative, anthropologische Untersuchung der geheimnisvollen Türen in eine andere Welt.

IDEE Margita Zalite, Linards Kulless MIT Margita Zalite TECHNIK Manuela Staudte WERKSTATTMACHER Christine van Haaren, Antje Krause

Eine Produktion von Werkstattmacher e.V. und LOFFT.Leipzig.
Gefördert durch Stadt Leipzig, Kulturamt.

Pressezitate

Lofft
Tanz und Klang zu bedrohlichen Wiegenliedern

Nein, Träume müssen nicht immer rosa und harmonisch sein. Manche zeigen Bilder, die zwischen surrealer Ästhetik und verstörender Wirrheit schweben. Letztere Art als viel aufregender empfindet die Künstlerin Margita Zalite, deren Performance „Lullaby Diet" am Montagabend im Lofft erstmals aufgeführt wurde.

Die Idee hinter dieser Arbeit vermittelt zunächst einen ruhigen, harmonischen Eindruck: Zalite fragt Menschen, denen sie begegnet, nach Wiegen- und Schlafliedern aus ihrer Heimat und lässt sie vorsingen. Mit diesen Aufnahmen gestaltet sie ihre Performances aus, in denen es um intime Momente und geheimnisvolle Türen geht. Unverzichtbares Basiswissen, will man an diesem Abend tatsächlich die Lieder ausmachen.

Denn noch mehr als eine überbordende Geräuschkulisse fesselt das Skurrile auf der Bühne die Aufmerksamkeit. Zum Beispiel der Mann in Pelzmantel und Leopardenleggins, der aus seinem Akkordeon geräuschvoll Luft presst und aus dessen Nacken kahle, sperrige Zweige ragen. Zalite selbst trägt nichts als einen Perlentanga, braune Haarverlängerungsteile an den Knien und jede Menge durchsichtige Folie. Ihre Haare stehen wirr ab, ein Streifen weißer Farbe ziert ihre Wange, der Blick wirkt durchdringend.

Auf der Probebühne des Lofft ist es dunkel, Sitzmatten liegen aus und zwei elektrische Herdplatten wärmen einen riesigen Topf Tee. Kellenweise schöpft Zalite daraus und verteilt ihn in die Schälchen des Publikums, als sich der dritte Akteur aus den Vorhängen schält: Ein Mann in knapper schwarzer Kleidung, dem Perlenketten verschiedener Länge von einer Gürtelschnalle herabbaumeln und der mit selbstverständlicher Miene einen gewaltigen Pappstorch auf der Schulter trägt. Festhalten muss er den, sobald er die Technik bedient.

Und die spielt bei „Lullaby Diet" eine große Rolle. Viele elektronische Geräte und ungewöhnliche Instrumente kommen zum Einsatz, so dass aus der Performance mehr ein Klangerlebnis wird. Über Minuten klingt der tiefe Atem einer Frau vom Band; Zalite singt, spielt Maultrommel und Theremin, das ihre Bewegungen in wimmernde Töne umsetzt.

Die lettische Künstlerin erzeugt ein komplexes Durcheinander aus Licht, Geräuschen und Bildern, bei dem der Gedanke ans Einschlafen in weite Ferne rückt. Diese Performance will nicht leise in den Schlaf wiegen, sondern den Surrealismus feiern. Wobei die Grenzen dazwischen ja möglicherweise fließen.

[24.02.2010]

 


Theresa Wiedemann, Leipziger VolksZeitung

Fotos

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